Kann UnREAL die erste Staffel noch toppen?

Die zweite Staffel UnREAL macht da weiter, wo die erste aufgehört hat. Ein neuer, afroamerikanischer Bachelor, dieselben Psychospielchen und Intrigen. Erfreulich ist vor allem die zunehmende Tiefe, die Rachels Charakter bekommt, während Constance Zimmer mal wieder eine schauspielerische Glanzleistung vollbringt.


Idee: Sarah Gertrude Shapiro, Marti Noxon
Executive Producer: Sarah Gertrude Shapiro, Marti Noxon, Sally DeSipio, Stacy Rukeyser, Robert M. Sertner, Carol Barbee, Adam Kane
Hauptdarsteller: Shiri Appleby (Rachel Goldberg), Constance Zimmer (Quinn King)
Nebendarsteller: Craig Bierko (Chet Wilton), Jeffrey Bowyer-Chapman (Jay), Josh Kelly (Jeremy), Genevieve Buechner (Madison)
Genre: Dramedy


Spoiler-Warnung: Diese Kritik zur zweiten Staffel UnREAL enthält Spoiler für die erste Staffel.

Mit einer guten Serie seitens von Lifetime, das eigentlich nur romantische Schmonzetten im Programm hat, durfte man nicht unbedingt rechnen. Doch die erste Staffel der Dramedy UnREAL, kreiert unter anderem von einer ehemaligen Produzentin von The Bachelor, war ein erschreckender und überspitzter Blick hinter die Kulissen einer Reality TV-Show. Mit dem von den Produzenten verschuldeten Selbstmord von Kandidatin Mary in Everlasting setzte die Serie einen dramatischen Höhepunkt. Die große Frage, die nun für die zweite Staffel im Raum steht, ist ganz einfach: Kann man das noch überbieten?

Ja! Kann Sie!

Aus Sicht der Plottwists und der Schocker in der zweiten Staffel muss man dies mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten. Die Geschehnisse während der 14. Staffel Everlasting sind wahrlich nicht von schlechten Eltern. Zum ersten Mal in der Geschichte der Show gibt es einen afroamerikanischen Bachelor – ein Star-Quarterback (B.J. Britt) mit PR-Problemen. Rachel (Shiri Appleby), die mittlerweile zur Showrunnerin aufgestiegen ist, verspricht, diese negativen Schlagzeilen mit Everlasting zu lösen – eine vergiftete Beteuerung, wie der Zuschauer nach der ersten Staffel bereits erahnen kann. Denn so idealistisch Rachel und die Produzenten auch sein mögen: in üblicher Everlasting-Manier schlachten sie die inhärenten Rassismus-Probleme der amerikanischen Gesellschaft gnadenlos aus – unter anderem mit einer Kandidatin im Konföderierten-Bikini.

Die Manipulationen und Intrigen finden ihre Fortsetzung – auch hinter den Kulissen. Chet (Craig Bierko) will nach seinem Rauswurf seine Sendung wiederhaben, bekommt allerdings eine unfassbar unglaubwürdige Motivation auf den Leib geschrieben. In der Zwischenzeit habe er bei einem Survival-Training mitgemacht und wolle nun seine erleuchtenden Erkenntnisse in der Show umsetzen – im Laufe der Staffel fällt er allerdings wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Unterdessen untergräbt Kameramann Jeremy (Josh Kelly) mit aller Macht Rachels neue Autorität, während Quinn (Constance Zimmer) weiterhin selbst alles in die Hand nimmt und Rachel zur Seite drängt. Zu Beginn herrscht das blanke Chaos, sodass der Sender sich sogar gezwungen sieht, jemand Außenstehendes zur Ordnung in die Show zu bringen: Coleman Wasserman (Michael Rady), der als Unbeteiligter einen klaren Blick auf die konstruierte Schein-Welt Everlasting hat, jedoch insgesamt recht farblos bleibt.

Nein! Kann Sie nicht!

Auch wenn man die Intrigen und Schockmomente während der zweiten Staffel in ihrer Intensität nochmal deutlich aufgedreht hat, ist Sarah Gertrude Shapiro und Marti Noxon aus konzeptueller Sicht kein Sprung gelungen. Die Serie macht im Prinzip dort weiter, wo sie in der letzten Staffel aufgehört hat. Lediglich der Bachelor ist neu, während die Kandidatinnen und die Charaktere hinter der Kamera weitestgehend dieselben bleiben. Weiterhin sind Intrigen und Psychospielchen das Tagesgeschäft von UnREAL.

Das Problem: damit geht allerdings der Faszinationsfaktor der ersten Staffel verloren: der überspitzte Blick hinter die Kulissen bleibt zwar weiter bestehen und ist gut umgesetzt, jedoch stellt er für den Zuschauer keine Überraschung mehr dar. Man hat es einfach schon gesehen, wodurch ein großer Teil des Reizes verlorengeht.


Land: USA
Sender: Lifetime
Deutscher Sender: Amazon
Länge: 42 min, 10 Episoden


Im Fokus: Die Charaktere

Deshalb konzentriert sich UnREAL in der zweiten Staffel auch mehr auf die Figuren und deren Geschichte. Vor allem Rachel bekommt eine deutlich tiefergehende Charakterisierung als noch in der ersten Season. Ihre manische Depression wird durch einen schockierenden Blick in ihre Vergangenheit noch deutlicher ausbuchstabiert, während sie sich weiter in eine selbstzerstörerische Abhängigkeit zu Quinn begibt, in die sie sich zunehmend verwandelt. Aussagen wie „We don’t solve problems. We create problems and then hold the cameras on to them” oder “I feel like God” waren während der ersten zehn Episoden eigentlich die große Domäne von Quinn King.

Wo Rachel eine deutlich dichtere Persönlichkeit verliehen bekommt, spart man wiederum an der Charakterentwicklung von Quinn. Zwar versucht man ihr ebenfalls mehr Schärfe zu verleihen, jedoch kratzt man lediglich an der Oberfläche eines potenziell spannenden Charakters. Letztlich transportieren die Macher nur, dass Quinn tief im Innern eine einsame Frau ist und damit zu kämpfen hat, aber gleichzeitig ein absolut perfektes Selbstbild pflegt: „I won’t be anybody’s dissapointment.“ Wie aber auch in der ersten Staffel ist Constance Zimmer in dieser Rolle wieder ein absolutes schauspielerisches Highlight und erweitert Quinns Repertoire nun um verzweifelte Wutanfälle – und wandert auf dem schmalen Grat zwischen herber Enttäuschungen und Quinns kalter Seite im Umgang mit diesen.

Letztlich ist die Geschichte hinter der zweiten Staffel sehr stimmig und hochdramatisch, auch wenn vor allem gegen Ende der Staffel ein negativer Punkt auffällt. Vielversprechende Handlungsstränge, die letztlich sogar die Show an sich gefährden, werden gerne mal abrupt beendet, aber kurz darauf wieder mit demselben Story-Ziel an anderer Stelle wiederaufgebaut – etwas sinnlos und vergeudete Zeit. Trotz der Kritikpunkte bleibt UnREAL kurzweilig und unterhaltsam. Was will man mehr?

UnREAL Staffel 2
  • 7/10
    Gesamtwertung - 7/10
7/10

Fazit

Die zweite Staffel UnREAL macht genau dort weiter, wo die erste Season aufgehört hat – nur mit einem neuen Bachelor, etwas mehr Gesellschaftskritik und einer tieferen Charakterzeichnung. Der Unique-Selling-Point der ersten Staffel, der neue und faszinierende Blick hinter die Kulissen einer Reality TV-Show, verliert allerdings an Zugkraft.

Bild: Lifetime Entertainment Services, Amazon

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