Tyrant: Gutgläubig in die Diktatur

Was soll an einer Diktatur schon so schlimm sein? Als Bassam und seine Familie ins fiktive Abbudin zurückkehren, um einer Familienhochzeit beizuwohnen, wird der im Exil lebende Sohn des Diktators dazu gezwungen, eine Führungsrolle in der Herrscherfamilie einzunehmen. Die Kritik zu Tyrant.


Idee: Howard Gordon, Gideon Raff, Craig Wright
Executive Producer: Howard Gordon, Gideon Raff, Sean Sforza, Avi Nir, Hugh Fitzpatrick, Glenn Gordon Caron, Michael Lehmann, Peter Noah,
Darsteller: Adam Rayner (Bassam Al-Fayeed), Jennifer Finnigan (Molly Al-Fayeed), Moran Atias (Leila Al-Fayeed), Ashraf Barhom (Jamal Al-Fayeed), Raad Rawi (General Tariq Al-Fayeed), Noah Silver (Sammy Al-Fayeed)
Genre: Drama, Thriller


Timing ist alles: schaue ich die Serie Tyrant, setzt FX die Produktion nach der dritten Staffel ab. Suboptimal. Dennoch ist die Produktion es wert, tiefergehend besprochen zu werden – immerhin haben zwei der Executive Producer ihr Können auch schon bei Homeland unter Beweis gestellt. Und Tyrant ist der Emmy-prämierten Serie mit Claire Daines zumindest vom Setting her gar nicht so unähnlich. Nach 20 Jahren in den USA kehrt Bassam „Barry“ Al-Fayeed (Adam Rayner) anlässlich der Hochzeit seines Neffen in seine Heimat zurück. Abbudin ist dem Irak vor dem Einmarsch der USA nachempfunden – und ist dementsprechend unter der Herrschaft eines Diktators, der vor langer Zeit einen Bürgerkrieg im Land rabiat beendete.

Der Clou: Bassam ist nicht irgendein ehemaliger Bürger von Abbudin, sondern der Sohn des Herrschers. Eigentlich möchte der gutaussehende Kinderarzt nichts mehr mit seiner Familie zu tun haben. Doch als sein Vater stirbt und Bassams älterer Bruder Jamal die Thonfolge antritt, sieht er sich gezwungen, in seiner Heimat zu bleiben: Eine revolutionäre Bewegung bedroht die Herrschaft der Al-Fayeeds und Bassam befürchtet, dass sein Bruder unter diesem Druck fatale Fehlentscheidungen trifft, die zu einem Bürgerkrieg und massenhaft Toten führen würden.

Naive Figuren, vielversprechende Plots

Bassams Frau Molly (Jennifer Finnigan) ist derweil ziemlich froh darüber, dass ihr Mann sich wieder seiner Familie zuwendet. Sie versteht nicht, warum er sich einst von seinen Wurzeln lossagte. Und in diesem Punkt liegt eines der Probleme von Tyrant: die meisten Charaktere sind unfassbar naiv und verstehen nicht, wie der Hase in einem solchen Regime läuft – insbesondere Bassams Familie. Warum er nicht zurück nach Abbudin will? Es könnte wohl an der grauenhaften Herrscherfamilie liegen, die sich nimmt, was sie will und zum Durchsetzen ihrer Ziele auch vor Kriegsverbrechen und chemischen Waffen nicht zurückschreckt. Die Intrigen der Figuren sind meist recht plump, sie besitzen keinen Plan B und haben das „Game of Thrones“ nicht verstanden. Einzig und allein General Tariq (Raad Rawi) scheint hier auf grausame Art und Weise mehr Durchblick zu haben.

Auch Bassams Sohn Sammy (Noah Silver) ist deutlich zu naiv: der homosexuelle 16-Jährige findet Gefallen am Reichtum seiner Familie in Abbudin und findet das Land im Allgemeinen wirklich toll – versteht aber nicht, dass seine sexuellen Neigungen gesellschaftlich verpönt sind. Komischerweise bauen die Macher seine vielversprechende Nebenhandlung ein paar Folgen lang sorgfältig auf, um sie dann in der zweiten Staffelhälfte komplett über Bord zu werfen.

Subtil ist anders

Leider ist es den Autoren nicht gelungen, aus der grundsätzlich interessanten Handlung sowie den weitestgehend guten Schauspielern eine erzählerische Subtilität wie in Homeland zu kreieren. Der Plot ist an und für sich durchaus mitreißend, doch in fast allen Belangen vorhersehbar. Die Offensichtlichkeit des Plots ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass jede Situation, jeder Dialog und jede Szene ohne Raum für Spekulationen erzählt wird. Als Zuschauer muss man sich keinen Teil der Handlung mehr selbst zusammenreimen, wodurch ein massiver Teil der Spannung flöten geht. Beispiel gefällig? Über die ganze Serie hinweg merkt man, dass Jamal Angst vor dem Umsturz hat – doch um ganz sicher zu gehen, bauen die Macher eine Szene ein, in der Jamal sich ein Video des gestürzten libyschen Diktators Gaddafi anschaut. Wir hatten es auch schon vorher verstanden, aber danke.

Dialoge aus der Hölle

Die Charakterzeichnung ist dementsprechend nach kurzer Zeit abgeschlossen – eine Entwicklung der Figuren gibt es prinzipiell nicht. Bassam, der idealistische, diplomatische und zielstrebige Bruder, der mehr Ähnlichkeiten mit seinem Vater hat, als ihm lieb ist und an der Macht zunehmend Gefallen findet. Jamal ist ein unberechenbarer Psychopath, der den Erwartungen seines Vaters nie gerecht werden konnte. Doch gleichzeitig ist die Charakterzeichnung in regelmäßigen Abständen inkohärent: immer wieder beschreibt man Jamal als schwach, als Träumer, als beeinflussbar, während er in einen Handlungen das genaue Gegenteil darstellt. Alle fürchten den Tag, an dem er Präsident wird, aber jeder weiß, wie man ihn mit den einfachsten Mitteln manipulieren kann. Dazu kommt, dass Ashraf Barhom in der Rolle als Jamal überhaupt nicht überzeugen kann. Er spricht abgehackt, emotionslos, hat oft denselben Gesichtsausdruck oder macht sinnlose, übertriebene Gesten. Durch die Kombination einer schlechten Charakterzeichnung sowie einer schlechten Schauspielleistung wünscht man sich als Zuschauer streckenweise, dass die Revolution erfolgreich ist und Jamal aus dem Spiel nimmt.

Hinzu kommen Dialoge und Aussagen, deren Verwendung eigentlich unter Strafe stehen müsste. „I feel like I don’t know you anymore“ – „This is not a game” – „No one has to die”. Nicht vergessen darf man hölzerne Aussagen wie “Syria, Egypt: Firefights. Here: Fireworks“ oder abgefahrene Vergleiche wie „Childhood in America is a different thing. Terrorists start young here, like gymnasts.” Ganz zu schweigen von einer Situation, in der eine Entführte einen Kinderrebellen zu ihrer Freilassung zu überreden versucht, indem sie ihn daran erinnert, dass er ja noch nie Brüste gesehen habe.


Land: USA
Sender: FX
Deutscher Sender: Amazon, Sat.1 Emotions
Länge: 42-55 min, 10 Episoden


Atmosphäre: Top

Doch eines muss man den Machern von Tyrant trotz der Kritik lassen: sie wissen, wie man ein Set atmosphärisch gestaltet. Die Szenerie und die Kostüme sind unfassbar authentisch, die Drehorte wirken der Handlung entsprechend pompös. Das nahöstliche Ambiente ist rundum gelungen und ein wirklicher Augenschmaus. Doch die tolle Gestaltung kann nun mal nicht über ihre erzählerischen Schwächen hinwegtäuschen, auch wenn die Serie es dank eines miesen Cliffhangers am Ende der ersten Staffel schafft, einen zum Weiterschauen zu zwingen. Letztlich ist es aber durchaus verständlich, dass Tyrant nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder abgesetzt wurde.

Tyrant
  • 5/10
    Gesamtwertung - 5/10
5/10

Fazit

Die FX-Serie Tyrant glänzt mit einer tollen Atmosphäre und grandiosen Sets, jedoch können diese nicht über die erzählerischen Schwächen und die unfassbare Naivität der Charaktere hinwegtäuschen.

Bild: FX

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